Jan Graber:
«Ich erinnere mich an einen Abend auf der griechischen Kykladeninsel Kimolos. Mit Freunden spreche ich über die Schwierigkeit, sich im Leben festzulegen; über die nicht enden wollende Suche nach Wahrheiten und nach den richtigen Entscheidungen. Wir sprechen über die Furcht vor der Entscheidung, weil man später einmal feststellen könnte, den falschen Weg gewählt und nicht aufs Herz, sondern auf die Zweifel gehört zu haben. Und darüber, wie die Zeit vergeht.
In mir wächst während des Gesprächs die Ahnung, dass die Furcht vor dem Festlegen auch mit der Furcht vor dem Tod zu tun hat. Wer sich im Leben festlegt, so der Gedanke, gesteht sich intuitiv auch die Endlichkeit ein. Denn der Weg, den man einschlägt, kennt letztlich nur ein Ziel: sein Ende. Im Vermeiden eines festen Wegs, oder dem häufigen Wechseln desselbigen, soll die Illusion der Unendlichkeit aufrecht erhalten werden. Ein fataler Irrtum, denn das Erkennen des Zeitverlusts wird sich später als quälender herausstellen, als das Bewusstsein, vielleicht nicht die erlösendste aller möglichen Entscheidungen getroffen zu haben. Egal wie man es dreht: Am Ende steht der Tod und jagt einem zeitlebens einen gewaltigen Schrecken ein.
Das führt zum Faktor Zeit. Eine ebenso banale wie wahre Erkenntnis über die Zeit äussert sich im lateinischen Begriff «Carpe diem» – nütze den Tag. Wer sich je bewusst gemacht hat, wie unwiederbringlich eine jede Sekunde im Dunkel verschwindet und wie nutzlos die meisten unserer Handlungen und Gedanken letztendlich sind, wird fortan einen inneren Dämon zum Begleiter haben. Ein Dämon, der nicht nur zu rastloser Suche antreibt, sondern seinen Wirt auch dazu nötigt, Zeitloses, Beständiges zu schaffen - etwas, das das eigene Ableben überdauert. Es ist ein Dämon, der Gast bei bei den meisten Künstlern ist und sie ebenso zum Schaffen wie zur Verzweiflung treibt. Manch einer bringt sich lieber um.
Die Frage stellt sich: Was habe ich zum Thema Tod zu sagen, was nicht auch schon andere gesagt haben? Die Antwort: Nichts. Wie die meisten Menschen schreckt mich der Tod, ich leide unter der Trauer, mache mir einen Galgenhumor zu eigen, um mit Widrigkeiten fertig zu werden und schlittere wie alle Menschen auf der schiefen Ebene des Lebens dem Abgrund zu. Mit Medizin wollen wir die Rutschbahn gerade biegen, mit Parties versuchen wir zu vergessen, dass sie existiert, mit Kinderkriegen, Kunst und Welteroberungsgelüsten möchten wir Zeichen hinterlassen, damit man uns auch nach unserem Fall noch wahrnimmt. So auch ich: Mit «Tod gesagt» schaffe ich ein Werk – und thematisiere gleichzeitig den Grund dafür. Ich mache dies in der für mich sinnvollsten Form: mit Musik und Gedichten – zwei Arten von Verdichtungen, die die Wahrnehmung nicht nur auf Verstandesebene erlauben, sondern auch die intuitive Erkenntnis ansprechen. Dabei fasziniert mich der Spagat zwischen der ernsten Kunst (der Literatur) und der Popkultur (der Rockmusik) besonders. Hier die Grenzen zu überschreiten und mich zwischen die Genres zu setzen, macht für mich den Reiz von «Tod gesagt» aus.»
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